900true dots bottomright 100true false 800none

Siegfried Fischbacher

Es war eines nachmittags in Rosenheim als der achtjährige Siegfried an einem Buchladen vorbei ging. „Mir fiel ein Buch im Schaufenster auf, ein Buch über Zauberei. Ich wusste sofort, dass ich es unbedingt haben wollte. Bis heute kann ich nicht genau sagen was mich so sehr daran fasziniert hatte. Alles was mich davon trennte waren fünf Mark—damals eine Menge Geld für einen kleinen Jungen in Deutschland im Jahre 1947.”

Aber Siegfried was fest entschlossen das Buch zu kaufen, also ging er nach Hause und half seiner Mutter bei der Hausarbeit, in der Hoffnung sie würde ihm das Geld geben. Als er gerade beim Abwasch war, fragte sie ihn schließlich was mit ihm los sei.

“Nun, da gibt es so ein Buch über Zauberei…”, antwortete er, aber weiter kam er nicht, denn seine Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte er sei wohl vollkommen verrückt geworden: fünf Mark für ein Buch waren einfach nicht möglich.

Aber Siegfried blieb fest entschlossen, er verließ das Haus und machte sich auf den Weg.


Was am nächsten Tag passierte, geschieht sonst eigentlich nur in Märchen: Direkt vor Siegfried auf dem Bürgersteig lag ein Fünfmarkschein! Siegfried hob ihn auf und ging direkt zum Buchladen.“Ich übtetagein tagaus, immer wieder dieselben Tricks, einen davon beherrschte ich ziemlich gut. Man nimmt eine Münze, ein Taschentuch und ein Glas voll Wasser. Man lässt die Münze ins Glas fallen und sie verschwindet.” Er zeigte den Trick seinem Vater, der ganz verblüfft war. „Es war,” erklärt Siegfried, der eine strenge bayrische Erziehung genossen hatte, „das erste Mal dass mein Vater meine Leistung anerkannte“. Diese Bestätigung war der Beginn von Siegfrieds Karriere als Magier. Er fing an damit vor Publikum aufzutreten — Schulfreunde, Fremde, einfach vor jedermann. Er übte alle Zaubertricks aus dem Buch – und brachte sich sogar selbst bei Glühbirnen und Rasierklingen zu essen.

 

Zeit seines Lebens hat Siegfried die Zauberei von innen nach außen betrachtet. „Selbst nachdem ich Roy getroffen hatte”, sagt er, „habe ich meine Kunststücke immer für mich selbst ausgedacht und erschaffen.”Als Teenager spielte er gerne Theater und hatte sogar eine kleine Comedy Bühnenshow entwickelt. „An Wochenenden trat ich auf Hochzeiten, Parties und Stadtfesten auf. Es war Teil meines Programms den trockenen Humor meiner bayrischen Landsleute auf die Schippe zu nehmen und mich auch über die eine oder andere lokale Größe lustig zu machen, dadurch wurde ich dann sogar so etwas wie eine kleine Berühmtheit in Rosenheim.”

Ein Auftritt des bekannten Meisterillusionisten Kalanag war die erste echte Zaubershow die Siegfried sah und die seine Wahrnehmung für die Kunst der Zauberei nachhaltig beeinflussen sollte. „Seine Show war der Höhepunklt meiner Kindheit, und bis heute eine der aufregendsten Dinge die ich jemals gesehen habe. Kalanag inspirierte mich dazu ein professioneller Magier zu werden, dabei waren es gar nicht mal so sehr seine Täuschungen die mich faszinierten, sondern eher seine Persönlichkeit und der Glanz der von seiner aufwendigen Bühnenshow ausging. Magie, fiel mir auf, ist nur zur Hälfte Geschicklichleit. Man übt und übt und übt, solange bis einem der Trick ins Blut übergegangen ist. Wenn man diesen Punkt erreicht hat fängt man wieder ganz von vorne an und bringt seine eigene Persönlichkeit in die Aufführung ein”.

Mit siebzehn beschloss er zu Hause auszuziehen. Seine Mutter war ganz und gar nicht begeistert davon und sagte, dass wenn er ausziehe, er gar nicht zurückkommen sollte. „Ich wußte aber dass sie nicht aus tiefstem Herzen zu mir sprach”, erklärt Siegfried. „Es war nur ein letzter verzweifelter Versuch mich zu halten”. Aber er ging, und begann 1956 als Tellerwäscher in einem kleinen Hotel am Gardasee zu arbeiten. Nach ein paar Monaten arbeitete er an der Bar. Es war eine ganz andere Welt für ihn und er beschloss in der Hotelbranche zu bleiben.  Aber er lernte auch einige Lektionen über das Leben, vor allen Dingen über Liebe und Beziehungen und er lernte auch das nicht alle Familien so stoisch sind wie seine es war. „Ich sah wie andere Menschen lebten — wie Familien miteinander umgehen. Mit ein wenig Neid sah ich auch, dass man sich in einer Familie küsst und in den Arm nimmt, ich sah wie liebevoll Eltern mit ihren Kindern umgehen. Ich wußte überhaupt nicht dass es so etwas gibt.”

“Ich heuerte als Steward auf der TS Bremen an, einem wunderschönen Ozeandampfer, der zwischen Bremerhaven und New York verkehrte”, erzählt er. Es dauerte nicht lange und er führte seine magischen Tricks vor der Mannschaft auf. Als der Kapitän davon erfuhr, bat er ihm einige Tricks zu zeigen. Danach sagte er zu Siegfried:„Heute Abend trittst Du vor den Passagieren auf.”

“An diesem Abend führte ich Taschenspielertricks mit Karten, Münzen und Zigaretten auf. Und der guten alten Zeiten wegen schluckte ich zwanzig Rasierklingen, um sie dann magischerweise an einem langen Faden wieder herzuzaubern”. Das kam so gut an, dass der Kapitän ihn auf der nächsten Überfahrt darum bat eine halbe Stunde lang vor Publikum zu zaubern. „Es war einfach himmlisch. Ich musste mir nicht länger mein Publikum vorstellen. Ich war plötzlich ein Künster”. Siegfried gab sich sogar einen Künstlernamen: „Delmare” der Zauberer. Im Spanischen bedeutet „delmare“ so viel wie „aus dem Meer.” Wenn Siegfried danach gefragt wird wann er es im Leben zu etwas gebracht hatte, dann antwortet er stets: „An dem Tag an dem ich von zu Hause weggegangen bin.”