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Das Schicksal bestimmt ihren Kurs

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Siegfrieds Show auf dem Schiff wurde so erfolgreich, dass der Kapitän entschied zwei Vorstellungen am Abend geben zu lassen, so dass alle Passagiere in den Genuss kommen konnten: Eine für die Gäste der ersten Klasse und eine für die zweite Klasse. „Also folgte ich der großen Tradition in der Zauberei und erweiterte mein Programm um Kaninchen und Tauben”, erzählt er, „jetzt gab es Tiere, Requisiten, Lichttechnik und Musik. Es wurde einfach zu viel für nur eine Person, also bat ich einen anderen Steward um Hilfe — es hätte jeder machen können. Eines Abends, ich war schon ziemlich spät dran, lief ich die Treppe hoch und stieß mit einem Jungen zusammen dessen Kabine gegenüber meiner war. Anstatt Zeit damit zu verschwenden einen der mir bekannten Stewards um Hilfe zu bitten, bat ich einfach ihn. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt ein paar Worte mit Roy wechselte”.

Siegfried kann sich nicht mehr an viele Details der Show an diesem Abend erinnern, nur noch daran, dass er nach dem Auftritt seinen Assistenten auf ein Glas Bier einlud. Roy nahm die Einladung an, aber redete den ganzen Abend nicht besonders viel. Dann fragte ihn Siegfried schließlich: „Nun, was hältst Du denn von der Show?” Roy schwieg, also wiederholte Siegfried seine Frage, immer noch keine Antwort. Als er dann endlich antwortete war Siegfried total überrascht, denn Roy sagte ganz leise: „Also das Publikum mag Dich, und es ist schon toll wie Du diese ganzen Tricks machst. Aber, um ganz ehrlich zu sein, ist die ganze Zauberei doch sehr vorhersehbar”. Bestürzt merkte Siegfried wie in ihm die Wut hoch kroch. „Das hatte noch nie jemand zu mir gesagt. Für mich war er nur ein kleiner Spinner der keine Ahnung hatte.”

“Eigentlich hatte mir die Show besser gefallen als ich zugab”, erwiderte Roy. „Tanzende Stöcke die um seinen Körper herum zu schweben schienen, golden glänzende Requisiten, ein scharlachroter Schal aus dem Vögel herauskamen und in dem sie auch wieder verschwanden — was soll einem daran nicht gefallen? Aber ich wollte nicht das er das weiß, denn ich hatte einen ganz anderen Plan”.  Als Siegfried sich dann etwas beruhigt hatte fragte er Roy was er denn an der Show verbessern könne. Roy hatte natürlich die Antwort parat: „Wenn Du Kaninchen und Vögel verschwinden lassen kannst,” fragte ihn Roy, „könntest Du dann auch einen Gepard verschwinden lassen?”

 

Und es war tatsächlich eine große Überraschung: In  Roys Kabine lag ein lebendiger Gepard und fauchte! „Ich wünschte ich hätte in diesem Moment ein Foto von Siegfrieds Gesichtsausdruck gemacht”, erinnert sich Roy. „Da standen sie also. Auge in Auge — aber nur einer zeigte seine Zähne. Chico war mir gegenüber zahm, trotzdem war er immer noch ein wildes exotisches Tier, und genauso benahm er sich auch Fremden gegenüber.” Roy hatte Chico von seinem ‘Onkel’ im Zoo bekommen, hatte ihn in einem Wäschesack an Bord geschmuggelt, und versteckte ihn in seiner Kabine bis sie weit draußen auf offener See waren. „Nachdem ich also meine Todesangst ein wenig überwunden hatte”, fügt Siegfried hinzu, „dachte ich darüber nach was es eigentlich bedeutete ein wildes Tier an Bord zu haben, ich wusste dass wir in großen Schwierigkeiten steckten. Roy jedoch fragte mich immer noch: „Und, was hältst Du davon?’”

Was Siegfried davon hielt war, dass er ganz genau wusste, dass man sie im nächsten Hafen von Bord schmeißen würde. Roy hingegen blieb ganz cool und bestand darauf mit Chico Zaubertricks vorzuführen. „Ich musste schon zugeben”, sagt Siegfried, „dass Roys Art mich auf die Probe zu stellen irgendwie beeindruckend war”. Aber die Show sollte in nur drei Tagen stattfinden. Er ging zum Schiffszimmermann und bat ihn eine Kiste anzufertigen. Ihm fiel ein, dass es im Souvenirladen an Bord einen Plüschleoparden gab. Er kaufte ihn, schnitt ihm Kopf, Beine und Schwanz ab und nähtse sie so wieder an, dass das Füllmaterial rauskam.

Es hatte sich schon herumgesprochen das Siegfried etwas Neues ausprobieren wollte, und alle, auch der Kapitän, kamen zu der Vorstellung. Siegfrieds Show an diesem Abend war die gleiche wie sonst auch, bis auf das Ende, als Roy die große Kiste auf die Bühne brachte. „Roy ging von der Bühne und kam mit einem Korb, in dem das Stofftier saß, zurück. Ich riss es Stück für Stück auseinander und warf die Teile in die Kiste. Dann tat ich so als ob das schon der ganze Trick war und schloss den Deckel. Die Schiffsmusiker spielten ein Crescendo, der Schlagzeuger schlug die Pauke und der Spot schien auf die Kiste…” Mit perfektem Timing öffnete Siegfried die Kiste und Chico sprang heraus — natürlich angeleint an einer Kette. „Chico sah dem ungläubigen Publikum direkt in die Augen. Fauchend und Zähne fletschend lief er über die ganze Bühne. Roy, der genauso verblüfft war wie alle anderen, ließ die Kette fallen, anstatt Chico herauszuführen folgte er ihm einfach nur. Sie stiegen die Prunktreppe hinauf, oben angekommen stand Chico wie eine Prima Donna und schaute das Publikum majestätisch an. An diesem Abend bekamen wir zum ersten Mal stehende Ovationen.”

“Es war ganz klar”, erzählt Roy, „dass Kapitän Rossinger uns in sein Büro rufen würde. Dort sagte er dann, dass er die Show beendet hätte wenn nicht der amerikanische Präsident des Norddeutschen Lloyds an Bord gewesen wäre. Natürlich waren wir gefeuert. „Eigentlich tat es mir gar nicht um mich leid, denn ich hatte wenig zu verlieren”, erinnert sich Roy, „aber es fühlte sich ganz furchtbar an Siegfrieds Karriere auf dem Schiff beendet zu haben. Am nächsten Tag, ich ging gerade über den Flur der ersten Klasse, hielt mich ein sehr attraktives und gebildetes amerikanisches Ehepaar an. Es war niemand geringeres als Mr. und Mrs. Nagle. Sie sagten mir dass ihnen die Show sehr gefallen hatte und das es das Beste war was sie jemals auf einem Schiff gesehen hatten. ‘Solch eine Aufführung verdient ein größeres Publikum’, sagte Mr. Nagle. Und er bot uns an auf einem seiner Kreuzfahrtschiffe in der Karibik zu arbeiten. Mit einem liebevollen typisch amerikanischen Klopfer auf den Rücken vergewisserte er uns, dass eine große Karriere vor uns läge und lud uns ein ihn in seinem Büro in New York zu besuchen”.

Nach ihrer Show waren die drei auf dem Schiff in aller Munde. Mit ausgeprägtem Geschäftssinn stellten sie einen Fotostand auf und beinahe 800 Passagiere zahlten jeweils $2.50 für ein Foto mit Chico. „Wenn man sich unser Gehalt als Stewards vorstellt”, erklärt Roy, „fanden wir, dass wir Anspruch auf ein bisschen extra Geld hatten, da wir ja auch nicht extra für die Auftritte bezahlt wurden. Dafür gab es nur eine Flasche Wein der Marke ‘Blue Nun’, die wir nach der Show immer teilten”. Der Kapitän war zwar immer noch außer sich vor Wut, da ihre Beliebtheit auf dem Schiff jedoch stetig anstieg blieb ihm nichts anderes übrig und er erhöht schließlich auf eine Flasche Wein für jeden.

Als sie das nächste Mal in New York waren suchten sie Mr. Nagle auf und baten ihm um zusätzliche Bezahlung für ihre Auftritte. Er ließ sich auf 25 Mark ein—fast zehn Dollar. „Siegfried und Ich hatten das Gefühl einen ganz schönen Coup gelandet zu haben”, erzählt Roy. „Vor uns beiden ”, fügt Siegfried hinzu, „gab es überhaupt keine Liveunterhaltung auf dem Schiff — nur Bingo, Tanzveranstaltungen und Filme. Wir haben den Grundstein für eine neue Art der Bordunterhaltung gelegt. Mr. Nagle hielt Wort und schickte uns in die Karibik”.

 

Das bedeutete aber auch das sie mehr Material brauchten. „Deshalb”, fährt Siegfried fort, „erreichte ich eine neue Ebene in meiner Zauberkunst. Auf dem Schiff mussten wir auf den Luxus einer Bühne verzichten, wir arbeiteten inmitten der Leute, also kamen bestimmte Täuschungstricks gar nicht in Frage. Ich war also gezwungen weit hinter die Grenzen meiner eigenen Vorstellungskraft vorzudringen. Das lehrte mich jedoch mit einfachsten Mitteln Verwunderung zu erzeugen und die Einbildungskraft des  Publikums anzusprechen”.

Aber auch Roy lernte eine komplett neue Welt kennen. „Als Siegfried sagte, ‘in der Zauberei sei alles möglich’, erklärt Roy, „wurden das die wichtigsten Worte meines Lebens. Es war ganz einfach, er war der Schlüssel zu einer anderen Welt. Ich wollte in seine Welt fliehen, in ihr leben und es genießen. Es war eine Erweiterung der Fantasiewelt in der ich so lange gelebt hatte. Siegfried erkannte, dass Chico nur einen Herren hatte – mich! Um ihn in der Show zu behalten mussten wir also als Partner auftreten. Meine Ziel war klar: Ich wollte dass Siegfried der größte Zauberer unserer Zeit wird, und ich hatte mir geschworen ihm dabei zu helfen—so dass es auch sein eigenes Ziel sein würde.”

“Chico hatte uns verändert”, sagt Siegfried. „Ein Magier braucht etwas Besonderes, etwas Charakteristisches. Selbst wenn sich jemand nicht an unsere Namen erinnern konnte, so konnte er sich doch gewiß an ‘die beiden Typen mit dem Gepard’ erinnern”. Chico war einzigartig, genau wie Roy. Zusammen, mit Roys unerschrockenem Glauben, Mut und seiner Entschlossenheit, und mit Siegfrieds Talent, Schwung und Können, begannen diese beiden sehr unterschiedlichen Individuen ihre Träume zu verwirklichen. Oder wie Roy es so eloquent ausdrückt: „Aus allem wurde unsere Bestimmung.”