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Roy Uwe Horn

“Ich habe die Geschichte meiner Geburt während des Krieges, am dritten Oktober 1944 um genau zu sein, so oft gehört, dass es sich beinah so anfühlt als ob ich mich tatsächlich daran erinnern könnte”, erzählt Roy mit einem charismatischen Lächeln. „Meine Mutter Johanna Horn hatte das unsägliche Glück neun Monate lang schwanger zu sein während die Alliierten Truppen Bremerhaven und die Nachbarstadt Nordenham — beides damals wichtige Flottenstandorte —  in Schutt und Asche zu legen. Die Häuser standen in Flammen und überall waren die Schreie der Menschen zu hören. Diejenigen die nicht in den Trümmern umgekommen waren rannten runter zur Weser, wo sie in kleinen Booten auf dem Wasser verhältnismäßig sicher zu sein glaubten”.

Im Keller ausharrend wusste Roys Mutter nicht was sie machen sollte. Sie wollte ihre drei kleinen Kinder beschützen, musste aber zur Arbeit. Also befahl sie den Kindern auf gar keinen Fall den Keller zu verlassen bevor sie nicht wieder zu Hause war, setzte sich auf ihr Fahrrad und strampelte durch die Stadt.

Um sie herum explodierten die Fliegerbomben, doch sie wusste dass sie es zumindest bis zum Haus Ihrer Schwester schaffen musste. Eine viertel Stunde nachdem sie angekommen war brachte sie ihren vierten und letzten Sohn zur Welt: Roy Uwe Horn.

“Die Wahrscheinlichkeit für einen Säugling das letzte Kriegsjahr zu überleben sah alles andere als gut aus”, erklärt Roy. Nahrung war knapp, und Heizmittel für den langen und kalten Winter war praktisch gar nicht vorhanden. Meine Mutter brach Stücke des eisbedeckten Zauns ab, in der Hoffnung dass das kleine Feuer uns vorm Erfrieren bewahren würde. Das war damals die Situation in die mein Vater von der Ostfront zurück kehrte. Vor dem Krieg leitete er ein Orchester. Es machte ihm damals viel Spaß seinen Söhnen eines der sechs Instrumente die er beherrschte beizubringen. Aber er war ein anderer Mensch nach dem Krieg, und es dauerte nicht lange bis meine Eltern sich scheiden ließen”.

Roys Mutter heiratete ein zweites Mal und anfangs sah es noch sehr gut aus. Sein neuer Stiefvater war in der Baubranche tätig, einer der wenigen Branchen mit denen es nach dem Krieg bergauf ging, und konnte dementsprechend gut für die Familie sorgen. „Es gab ein Kindermädchen und große Kindergeburtstage”. Aber seine Kriegsverletzungen forderten ihren Tribut und Roys Stiefvater fing an zu trinken. Irgendwann hatte sich dann sein geistiger Zustand so sehr verschlechtert, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Die Ersparnisse waren schnell aufgebraucht und die Familie war auf Sozialhilfe angewiesen, solange bis der Stiefvater das Rentenalter erreicht haben würde.

Als Roy mit der Schule anfing musste seine Mutter arbeiten um für seine Kleidung aufzukommen. „Im tiefsten Winter stand sie morgens um halb sechs Uhr auf, nahm mit ihrem klapprigen Fahrrad die Fähre über die Weser und fuhr dann noch einige Kilometer bis zur Fabrik, wo sie dann zwölf Stunden arbeitete. Aus dieser Situation heraus war ich gezwungen schon früh selbstständig zu werden. Kaum aus dem Kindergartenalter raus, musste ich morgens von alleine aufstehen, mir das Frühstück selbst machen, alleine zur Schule gehen und auch wieder alleine nach Hause kommen”. Um den Wutausbrüchen seines betrunkenen Stiefvaters zu entgehen schlich er sich in den Keller und krabbelte mit seinem Hund Hexe aus dem Fenster. Zusammen streunten sie durch die Felder bis seine Mutter wieder zu Hause war. Er war einsam und entfremdet, Hexe war sein einziger echter Freund.



Zu diesem Zeitpunkt begann Roy eine tiefe Beziehung zu Tieren aufzubauen und ein Verständnis für ihr Wesen zu entwickeln. „Man sagt man könne die Intelligenz von Tieren nicht mit unserer vergleichen, da Menschen, aufgrund ihrer Fähigkeit komplex zu denken, Tieren überlegen sind“, sagt Roy. “Ich habe jedoch schon früh gelernt das Tiere meine Gedanken vorraussehen können. Menschen die kein ausgeprägtes Verständnis für Tiere haben würden sagen das sei sentimentaler Quatsch. Für mich ist es jedoch ganz einfach eine Tatsache. Als Kind habe ich gelernt dass all mein Gefühl von Sicherheit, meiner Gewissheit von bedingungslosem Vertrauen und auch von Stärke von den Tieren ausgeht.”
Als er noch ein Kind war genoss Roy es durch die Felder in der Nähe seines Hauses zu streifen. Er und Hexe, ein kohlrabenschwarzer Halbwolf, liebten es auf Entdeckungstouren zu gehen. „Ich war der Prinz und Hexe war mein Einhorn”, erzählt Roy. „Wir liefen, wir flogen, dort kannten wir einfach keine Grenzen — wir waren einfach frei”.  An einem ganz besonders schönen Tag entschied sich Roy dazu die Schule zu schwänzen und mit Hexe auf eine ihrer Reisen zu gehen. Fasziniert liefen sie einem Raben hinterher, immer weiter, sie achteten nicht mehr auf den Weg, sondern nur noch auf den großen schwarzen Vogel. Plötzlich stolperte Roy und spürte wie er versank, doch je mehr er sich anstrengte aus dem Matsch herauszukommen, desto tiefer sank er ein. Hexe jaulte und lief plötzlich weg. Roy war starr vor Angst. „Ich war schon bis zur Hüfte im Matsch”, erzählt Roy. „Ich schrie ‘Hexe, hilf mir’, ich schrie bis mir die Stimme versagte. Dann hörte ich plötzliche eine andere Stimme”. Hexe hatte einen Bauern geholt, der, zusammen mit ein paar anderen zu Hilfe geeilten, das kleine Kind aus seiner verzweifelten Situation herauszog. „Ich weinte und zitterte am ganzen Leib, dankte Ihnen mit Tränen erstickter Stimme. Doch sie sagten ich solle lieber meinem Hund danken. Ich ging auf die Knie, nahm Hexe ganz fest in dem Arm und dankte ihr für mein Leben. Es war weder das erste noch das letzte Mal, dass ich einem Tier dankbar dafür war, dass es mir das Gefühl von Sicherheit gegeben hatte oder dass es überhaupt so eine starke, ja fast schon magische Verbindung zwischen mir und einem Tier geben sollte”.
Es gab aber noch zwei andere sehr wichtige Menschen in Roys Leben, die besten Freunde seiner Mutter, die er nur Tante Paula und Onkel Emil nannte. Sie ermöglichten Roy den Eintritt in den Bremer Zoo, weil Emil den Zoo finanziell unterstütze. „Die beiden waren sich meiner Tierliebe bewusst und als Geburtstagsgeschenk ermöglichten sie mir unbegrenzten Eintritt in den Zoo und Zugang zur Bibliothek. Damals war ich ungefähr zehn Jahre alt und machete wann immer ich konnte davon Gebrauch.“

Es dauerte nicht lange bis Roy den Tierpflegern zu helfen begann, träumte er doch schliesslich davon den Käfig einer wilden Tigerin betreten zu dürfen. „Sie hatte einen großen Käfig für sich alleine”, erklärt er. „Es war ihre Einsamkeit die mich ansprach. Weil sie so gefährlich war konnten noch nicht einmal die Pfleger ein Verhältnis zu ihr aufbauen”. Ganz in der Nähe des Tigers gab es einen Gepardender Chico hieß, und in gewisser Weise Roys erste Liebe zu einem exotischen Tier war, gleichzeitig war er auch die erste Großkatze die mit Siegfried und Roy in einer Show auftreten sollte.

“Monatelang redete ich mit Chico durch die Eisengitter des Käfigs”, sagt Roy. „Jeden Tag, kurz bevor ich im Zoo ankam, pfiff ich eine ganz besondere Melodie. Wenn ich dann bei ihm war erwiderte er meinen Pfiff mit einem vogelähnlichen Gezwitscher, das so einfühlsam war, dass man es niemals von einer großen starken Katze erwartet hätte”. Die Pfleger bekamen Roys Gespürr für Tiere mit und erlaubten ihm dann doch den Käfig zu betreten. Chicos Vertrauen in Roy war sogar so groß, dass er ihm ein Halsband umlegen konnte und mit ihm spazieren ging. Bald war der Zoo Roys zweites Zuhause. Chico und Hexe wurden seine Vertrauten auf seiner Flucht aus der Realität eines schrecklichen Elternhauses.

Als Roy dreizehn Jahre alt war hatte er zwei Möglichkeiten: entweder eine Berufsausbildung zu machen oder noch weiter zur Schule zu. Roy spürte aber dass die Zeit zu gehen gekommen war — also verließ er sowohl die Schule als auch sein Zuhause. „Ich musste da einfach raus”, sagt er, „um irgendwo auf der Welt etwas zu finden das mir gut tun würde”. Bloß wo soll man als dreizehnjähriger Junge schon hin? Das Schicksal hatte seine Hand im Spiel als Roy auf einem Schiff des Norddeutschen Lloyds anheuerte. Roys Mutter war am Boden zerstört, aber sie konnte ihn nicht aufhalten. Als dieser dürre Junge an Deck des Schiffes stand und allen zum Abschied winkte, schien alles Traurige in seinem Leben auf einmal hochzukommen.

Nach fünf Tagen auf See geriet das Schiff in schlechtes Wetter und kenterte beinah. Roy erinnert sich wie er aus einem Bullauge schaute und einen Seemann sah, der von Deck gespült worden war und an ihm vorbei trieb. „Panik machte sich unter den Passagieren breit”, fährt er fort. „Zusammen mit zwei anderen Pagen versuchten wir sie auf Ihrer Flucht in die Rettungsboote unter Kontrolle zu bekommen”. Um halb vier am nächsten Morgen kam ein Schiff, es war die „United States“, zu unserer Rettung und schleppte uns in den Hafen von New York. Er wusste, dass seine Eltern vor Angst um ihn umkommen würden und schickte ihnen sofort ein Telegramm. Danach beschloss er sich New York anzuschauen. Ohne ein Wort Englisch machte er sich mit einem Stadtplan in der Hand auf den Weg.

Nachdem sein Schiff repariert worden war kehrte Roy in seine Heimatstadt zurück, wo er von seiner Familie empfangen wurde. Als allererstes machte er sich auf den Weg zu Chico, der es immer spürte wenn Roy wieder auf die See musste. Obwohl es schon eine sehr schwierige Zeit war, „so wusste ich doch dass die Entscheidung mein Zuhause zu verlassen richtig gewesen war”, betont Roy. „Langsam fing meine Seele an sich zu erholen. Es schien tatsächlich eine bessere Welt dort draußen zu geben, und ich konnte einfach nicht mehr zurück. Genauso wusste ich aber auch, dass etwas geschehen müsse damit ich mit Chico zusammen sein könne”. Und ein paar Jahre später  sollte tatsächlich etwas geschehen.